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Der Sinn des Lebens ist keiner: Warum Bedeutung nicht vorgegeben sein muss

creationmagazin
29. Sept.
8 Min. Lesezeit

Der Sinn des Lebens ist: keiner.

Das klingt im ersten Moment nach Nihilismus, nach Leere, nach der Vorstellung, dass alles egal sei. Genau das meine ich nicht. Ich behaupte etwas viel Radikaleres: Die Vorstellung, dass Leben erst durch einen äußeren Zweck sinnvoll wird, könnte selbst der Denkfehler sein.

Wir sind so daran gewöhnt, nach dem „Warum“ zu fragen, dass wir kaum bemerken, was wir dabei voraussetzen. Ein Hammer besitzt einen Zweck, weil jemand ihn hergestellt hat. Ein Auto wurde gebaut, damit es fährt. Ein Medikament wird entwickelt, um eine bestimmte Wirkung hervorzurufen. Sobald wir dieselbe Logik auf unser Leben übertragen, unterstellen wir damit bereits, dass auch wir wie ein Werkzeug für etwas hergestellt worden sein müssen. Irgendwo müsste also ein Auftrag existieren, der älter ist als unser eigenes Leben: eine Aufgabe vor der Handlung, ein Plan vor der Erfahrung, ein Grund, der feststand, bevor wir überhaupt geboren wurden.

Moderne Spiritualität liebt genau diese Vorstellung. Du hast eine Seelenaufgabe. Du bist hier, um zu erwachen, Liebe zu lernen, dein Karma aufzulösen, deine Gedanken zu meistern, deine Schöpferkraft zu erkennen oder endlich das Leben zu manifestieren, das angeblich längst auf dich wartet. Die Formulierungen wechseln, das Prinzip bleibt erstaunlich ähnlich: Irgendwo gibt es eine Antwort auf dich, und du musst sie nur noch finden.

Ich halte genau das inzwischen für verdächtig.

Denn sobald wir die spirituelle Behauptung ernst nehmen, dass der Mensch nicht getrennt vom Universum existiert, sondern ein Teil desselben Ganzen ist, wird aus der persönlichen Sinnfrage sofort eine wesentlich größere.

Wenn das Universum alles ist: Wer sollte ihm von außen eine Aufgabe geben?

DAS UNIVERSUM BRAUCHT KEINEN AUFTRAG

Der Satz „Der Sinn des Universums ist Liebe“ klingt schön, aber philosophisch kommt er zu spät. Liebe setzt bereits Beziehung voraus. Damit Liebe erfahren werden kann, muss es zumindest eine Unterscheidung geben: etwas, das liebt, etwas, auf das Liebe gerichtet wird, oder zwei Pole innerhalb derselben Einheit, die sich überhaupt erst aufeinander beziehen können.

Vor der Beziehung steht Existenz.

Vor der Liebe steht Sein.

Genau hier liegt für mich der eigentliche Nullpunkt. Wenn wir unter Universum tatsächlich die Gesamtheit dessen verstehen, was existiert, kann außerhalb dieses Ganzen kein weiterer Zusammenhang stehen, der ihm einen Zweck verleiht. Jeder zusätzliche Grund müsste selbst wieder existieren. Dann gehört er entweder zum Universum oder wir haben das Wort Universum nur verschoben und müssen erneut fragen, was wiederum diesen größeren Zusammenhang begründet.

Man kann diese Kette beliebig verlängern, aber irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem ein Grund nicht mehr durch einen weiteren Grund erklärt werden kann.

Das Sein muss sich selbst tragen.

Das Universum ist nicht da, um etwas zu tun. Es ist zunächst einmal da.

Damit verändert sich der ganze Begriff von Sinn. Sinnlosigkeit bedeutet dann nicht Wertlosigkeit. Ein Universum ohne äußeren Zweck wäre kein gescheitertes Projekt. Es wäre überhaupt kein Projekt. Es wäre die Bedingung, innerhalb derer Projekte, Zwecke, Beziehungen, Menschen, Liebe, Hass, Erkenntnis und Bedeutung erst entstehen können.

Bedingungslose Liebe ist ein gewaltiger Gedanke.

Bedingungsloses Sein ist noch radikaler.

Liebe ist bereits eine Möglichkeit des Seins. Das Sein selbst braucht keine Erlaubnis.

Und genau an dieser Stelle beginnt die alte Esoterik für mich interessanter zu werden als die meisten modernen „Purpose“-Lehren.

DIE ALTEN SUCHTEN VERWANDLUNG, KEINE STELLENBESCHREIBUNG

Wenn man Alchemie, Hermetik, Rosenkreuzertum und Freimaurerei betrachtet, muss man aufpassen, sie nicht zu einer einzigen historischen Geheimlehre zusammenzurühren. Ihre Ursprünge, Lehren und Ziele unterscheiden sich. Trotzdem taucht in ihrer Symbolsprache auffällig oft dasselbe Grundmotiv auf: Der Mensch erscheint als etwas Unfertiges.

Die Alchemie arbeitet mit Trennung, Reinigung, Auflösung und erneuter Verbindung. Solve et coagula. Das Ausgangsmaterial wird nicht gefragt, welchen Beruf es im Universum ausüben möchte. Es wird bearbeitet. VITRIOL führt den Adepten nach innen, in das Innere der Erde, um dort den verborgenen Stein zu finden. Die Sprache ist nicht die einer Karriereberatung, sondern die einer Transformation.

Die Freimaurerei verwendet den rohen Stein als eines ihrer bekanntesten Bilder. Er muss behauen werden. Der Tempel entsteht durch Arbeit, Maß, Ordnung und Form. In den Rosenkreuzerschriften begegnet uns eine Welt von Erneuerung, Wissen, Natur, Religion und Reform. Auch die Hermetik denkt Mensch und Kosmos in Beziehungen: Makrokosmos und Mikrokosmos, Geist und Materie, oben und unten.

Es geht immer wieder um dieselbe Bewegung: etwas erkennen, etwas ordnen, etwas verwandeln.

Und irgendwann haben wir daraus etwas gemacht, das erstaunlich modern klingt: „Finde deine Mission.“

Das ist ein interessanter kultureller Sprung. Aus Selbsterkenntnis wurde Selbstoptimierung. Aus innerer Arbeit wurde Purpose. Aus dem Weg zum Stein der Weisen wurde irgendwann die Aufforderung, die eigene „Gabe“ zu finden und möglichst noch ein Geschäftsmodell daraus zu bauen.

Wir haben sogar die Existenz dem Leistungsprinzip unterworfen.

Es reicht nicht mehr, dass du da bist. Du sollst begründen können, weshalb.

Du brauchst einen Lebenszweck, eine Mission, ein Vermächtnis. Irgendetwas soll am Ende beweisen, dass sich dein Dasein gelohnt hat.

Dabei ist genau diese Vorstellung historisch viel weniger selbstverständlich, als die moderne Spiritualität gern tut.

Spinoza beispielsweise dreht die Perspektive radikal. In seinem Denken ist Gott nicht ein außerhalb der Welt sitzender Konstrukteur, der der Natur ständig persönliche Aufgaben zuteilt. Seine berühmte Formel Deus sive Natura – Gott oder Natur – identifiziert Gott mit der einen unendlichen Wirklichkeit. Spinoza kritisiert gerade die menschliche Neigung, Zwecke in die Natur hineinzulesen, weil wir selbst ständig zweckgerichtet handeln und deshalb glauben, die gesamte Welt müsse auf dieselbe Weise organisiert sein.

Wir bauen ein Haus, weil wir darin wohnen möchten. Also fragen wir, weshalb die Erde gebaut wurde.

Wir stellen ein Werkzeug her und geben ihm eine Funktion. Also erwarten wir, dass jemand auch uns eine Funktion gegeben haben muss.

Das könnte ein gewaltiger Kategorienfehler sein.

Das Ganze muss nicht denselben Zweck besitzen wie ein Gegenstand innerhalb des Ganzen.

DER MENSCH IST NICHT FERTIG

Damit verschwindet Entwicklung aber nicht. Im Gegenteil.

Nur weil ich keinen äußeren kosmischen Auftrag voraussetze, folgt daraus nicht, dass jeder Zustand des Menschen gleich entwickelt ist. Genau hier wird Rudolf Steiner wieder interessant, ohne dass wir erneut seine gesamte Ordnung der Naturreiche erzählen müssen.

In seinem anthroposophischen Erkenntnisweg endet Bewusstsein nicht beim gewöhnlichen analytischen Verstand. Er beschreibt weitere Erkenntnisstufen, die über Imagination und Inspiration bis zur Intuition führen. Man muss dieses System nicht als naturwissenschaftliche Tatsache akzeptieren, um die dahinterliegende Idee ernst zu nehmen: Der Verstand könnte eine Entwicklungsstufe sein und nicht der Endpunkt.

Das berührt sehr genau meine eigene Auffassung von Intuition.

Wenn ein Mensch etwas zum ersten Mal tut, benötigt er enorme bewusste Aufmerksamkeit. Ein Anfänger am Klavier denkt über einzelne Tasten nach. Beim Autofahren kontrolliert man anfangs Spiegel, Kupplung, Gang, Geschwindigkeit und Umgebung fast wie einzelne Aufgaben. Nach tausenden Wiederholungen laufen viele dieser Prozesse gleichzeitig und scheinbar mühelos.

Der Verstand ist dabei nicht verschwunden.

Er wurde integriert.

Er musste eine Handlung oft genug durchdenken, korrigieren und wiederholen, bis aus bewusster Anstrengung ein Können wurde, das tiefer sitzt als die ständige sprachliche Analyse. Genau deshalb habe ich Intuition in Adler trinken Löwenmilch nicht einfach mit Bauchgefühl gleichgesetzt. Erfahrung kann sich durch Wiederholung so verdichten, dass Erkenntnis später unmittelbar erscheint.

Ein hervorragender Kameramann sieht einen Fehler im Bild, ohne zunächst zehn Regeln im Kopf aufzuzählen. Der Schachspieler erkennt eine Stellung. Der Musiker hört, dass etwas nicht stimmt. Was nach geheimnisvoller Eingebung aussieht, kann auf einer enormen Geschichte verarbeiteter Erfahrung beruhen.

Den Verstand zu überwinden bedeutet in diesem Sinn nicht, ihn abzuschaffen.

Man muss erst durch ihn hindurch.

Hier erhält menschliche Entwicklung durchaus eine Richtung. Wir können Fähigkeiten verfeinern, Muster erkennen, bewusster handeln und Teile unseres Denkens so tief integrieren, dass daraus etwas entsteht, das wir Intuition nennen.

Doch genau an diesem Punkt kommt die Sinnfrage mit voller Kraft zurück.

Wir können erklären, wohin sich ein Mensch entwickeln könnte. Wir können beschreiben, welche Fähigkeiten entstehen. Wir können von Erkenntnis, Bewusstsein und Transformation sprechen.

Aber damit haben wir noch immer nicht erklärt, warum überhaupt etwas existiert, das sich entwickeln soll.

Jede Zweckkette landet irgendwann wieder bei derselben Wand.

Und dahinter steht Sein.

DIE SPIRITUELLE LÜGE BEGINNT DORT, WO AUS ERFAHRUNG GESETZ WIRD

Mein ursprünglicher Angriff auf spirituelle Lehrer war deshalb bewusst überzogen: Alle spirituellen Lehrer lügen dich an, und ich bin der Einzige, der dir die Wahrheit sagt.

Natürlich ist schon dieser Satz selbst eine Falle. In dem Moment, in dem ich behaupte, als Einziger die universelle Antwort zu besitzen, tue ich exakt das, was ich kritisiere.

Das eigentliche Problem liegt woanders.

Ein Mensch macht eine tiefe Erfahrung. Er erkennt etwas über Liebe, Loslassen, Bewusstsein, Meditation oder die Macht seiner Gedanken. Diese Erfahrung verändert sein Leben. Danach beginnt er darüber zu sprechen. Andere Menschen erleben Ähnliches. Daraus entsteht eine Lehre.

Bis hierhin ist alles in Ordnung.

Gefährlich wird es in dem Moment, in dem aus einer Erfahrung eine Vorschrift für alle wird.

Dann heißt es nicht mehr: „Das hat mir geholfen.“

Dann heißt es: „Dafür bist du hier.“

Plötzlich weiß jemand anderes, weshalb dein Leben existiert.

Und ausgerechnet eine Spiritualität, die ständig von Freiheit spricht, kann dadurch zu einem perfekten System der Fremdbestimmung werden. Der Lehrer sagt dir, du sollst dein wahres Selbst finden, beschreibt dieses Selbst anschließend aber bis ins Detail: friedlich, geheilt, liebevoll, erfolgreich, angstfrei, manifestierend, voller Vertrauen und natürlich auf seiner Mission.

Das ist kein freies Selbst mehr.

Das ist eine Vorlage.

Die meisten Menschen, die jemals gelebt haben, entsprachen keiner solchen Vorlage. Sie gründeten keine Bewegung, schrieben keine Bücher und hinterließen keinen Namen in der Geschichte. Sie erzogen Kinder, bauten Häuser, versorgten Kranke, arbeiteten, stritten, liebten und starben.

Wenn ein Leben erst durch eine außergewöhnliche Mission Bedeutung erhält, müsste der größte Teil der Menschheit bedeutungslos gewesen sein.

Das ist eine ziemlich absurde Vorstellung.

EXISTENZ KOMMT VOR ERKLÄRUNG

Sartre kommt aus einer vollkommen anderen Richtung und trifft genau diesen Nerv. Seine berühmte Formel, dass beim Menschen die Existenz dem Wesen vorausgeht, nimmt dem Einzelnen die fertige Definition.

Ein Messer wird nach einer Idee hergestellt. Bevor es existiert, weiß sein Hersteller schon, wozu es dienen soll. Sein Zweck steht gewissermaßen vor seiner Existenz.

Beim Menschen, zumindest in Sartres atheistischem Modell, ist es umgekehrt.

Der Mensch existiert zuerst.

Er handelt, entscheidet, scheitert, verändert sich und erschafft dadurch das, was er später sein Wesen nennt.

Hier treffen sich für mich Existentialismus und Alchemie auf eine Weise, die historisch nicht behauptet werden muss, um philosophisch interessant zu sein. Beide Bilder beginnen mit etwas Unfertigem.

Der rohe Stein besitzt seine endgültige Form noch nicht.

Der Mensch ebenfalls nicht.

Die Form entsteht durch Arbeit.

Genau darin liegt die eigentliche Freiheit – und gleichzeitig die eigentliche Verantwortung. Wer keinen fertigen Plan besitzt, kann sich nicht ewig hinter der Suche nach diesem Plan verstecken.

Das Leben beginnt nicht, sobald du deine Aufgabe gefunden hast.

Es läuft bereits.

DER SINN STEHT NICHT VOR DEM LEBEN

An dieser Stelle kann man eine Ausfahrt nehmen. Nichts von dem, was wir hier miteinander verbunden haben, beweist, dass es keine Seele gibt. Es widerlegt keinen göttlichen Plan und keine metaphysische Ordnung. Alchemie beweist keinen Existentialismus, Steiner beweist keinen kosmischen Zweck und Spinoza entscheidet nicht endgültig darüber, warum das Universum existiert.

Das wäre wiederum nur eine neue Religion.

Der wichtigere Punkt ist ein anderer: Wir besitzen keinen zwingenden Grund dafür, dass Bedeutung bereits vor dem Leben festgelegt sein muss.

Damit wird die Leere, vor der so viele Menschen Angst haben, plötzlich zum entscheidenden Raum.

Schöpfung benötigt Unbestimmtheit.

Eine Idee, deren gesamte Form bereits endgültig festgelegt ist, wird nur noch ausgeführt. Ein Leben, dessen jede Handlung bereits als kosmischer Auftrag vorgeschrieben wurde, wäre im strengsten Sinn kein schöpferisches Leben mehr. Es wäre die Aufführung eines fertigen Drehbuchs.

Der rohe Stein dagegen enthält Möglichkeit.

Das Blei kann bearbeitet werden.

Der Gedanke besitzt noch kein Gewicht, bis eine Handlung ihm Form gibt.

Und genau hier schließt sich der Kreis zur ersten Behauptung.

Der Sinn des Lebens ist keiner, der außerhalb des Lebens auf dich wartet.

Der Sinn des Universums liegt nicht in einem Auftrag, den etwas Größeres ihm erteilt hat. Ein solches Größeres wäre selbst wieder Teil des Problems.

Sein steht am Anfang.

Aus Sein entstehen Beziehung und Liebe. Aus Sein entstehen Bewusstsein, Erkenntnis und Handlung. Aus Handlung entsteht Form. Und aus gelebter Form kann Bedeutung entstehen.

Damit ist das Leben nicht sinnlos.

Es ist nur nicht verpflichtet, seinen Sinn vor seinem eigenen Beginn bereits zu besitzen.

Der Sinn steht nicht über dem Leben wie eine Überschrift.

Er entsteht darin.

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